Die Havarie von Block 4 des ukrainischen Kernkraftwerks in Tschernobyl am 26. April 1986 hat mich bis ins Mark erschüttert. Ich glaubte, erhöhte Radioaktivität in der Wiener Luft zu spüren. Wahrscheinlich war das nur Einbildung. Die unsichtbare und geruchslose, dabei aber alles Leben nachhaltig schädigende und bei einer starken Überdosis den Tod bringende Strahlung hat einen dichterischen Sturm bei mir ausgelöst, der sich in einem 60-strophigen Poem niederschlug, einer Art tragischen Moritat. Diese balladenartige, apokalyptische Vision ist in einem Guss aus höchster innerer Spannung entsprungen.
Nur ein einziges Ereignis hat mich zu einem ähnlichen poetischen Sturm hingerissen. Das war ein Jahr früher, im Sommer 1985, als ich während eines Gaststudienaufenthaltes in Prag beobachtete, wie ein regimeferner Wissenschaftler der Karlsuniversität „eliminiert“ wurde und verstarb – so nannte man das in der Ein-Parteien-Diktatur der ehemaligen ČSSR.
Stellt euch in der fernen, weiten
in der unbegrenzten weiten,
kornspendenden Ukraine
eine weiße Birke vor.
Lüfte säuseln in den Zweigen,
dünne Äste wiegen leise
auf dem Hügel bei dem Weiler,
wo verstreut zehn Häuser stehen.
Auf dem Hügel bei der Birke,
grau bedeckt von deren Schatten,
auf dem Kopf ein buntes Schaltuch:
Denkt euch eine Mutter hin.
Kauert auf dem kahlen Boden,
vor dem Leib verschränkt die Arme,
lehnt den Rücken an die Rinde,
stützt am Stamm den Nacken ab.
Hell entzückte mich der Anblick,
ukrainische Idylle,
wollt’ geschwind ein Foto schießen,
bat mir die Erlaubnis aus.
Doch als ich dann zu ihr hintrat,
sah ich, dass aus ihren Augen,
die schon ganz verschwollen waren,
dicke Tränenbäche strömten.
Hörte unterdrücktes Schluchzen,
dass ich fürchtete, die Lunge
müsste unter ihren Qualen
platzen und das Herz stillstehen.
Sonderbar erschien die Mutter.
Denn ich war auf einer Reise
durch die weite Ukraine,
und sie kam mir prachtvoll vor.
Kiew und das Höhlenkloster,
ehrwürdige Kathedralen,
Denkmäler, wohin ich sah,
und geräumige Boulevards.
Dnipr, Dnister, Bug, Slutsch, Horyn,
Charkiw, Lwiw (das einstige Lemberg),
Saporischja und Odessa,
Sewastopol auf der Krim.
Überfluss sah ich zwar selten,
doch die Gastlichkeit der Menschen,
die Salo und Borschtsch servierten,
wog die Armut vielfach auf.
Auf den Dörfern pflog man Bräuche,
sang zur Kobsa Frühlingslieder,
führte Tänze auf mit Bändern
und ließ sich auf Festen aus.
Ich genoss mit allen Sinnen
meinen Ukraine-Streifzug,
machte Fotos und Notizen.
Dann war plötzlich alles aus.
Niemand spielte mehr die Kobsa,
keiner hatte Lust zu sprechen,
Schweigen wurde in den Städten,
auf den Dörfern Stille laut.
Denn es hatte sich verbreitet
überall die Schreckenskunde:
Ein Reaktor sei geschmolzen
unweit, dort, in Tschernobyl.
Keiner wusste zwar Genaues,
wie gefährlich denn die Strahlung,
ob sie letzten Endes tödlich
oder eher harmlos sei.
Ganz besonders wortkarg gaben
sich der Rundfunk und die Presse.
Streng korrekt betreffs des Stiles
sendeten sie Phrasen aus:
Selbst in dieser schweren Lage
wäre nirgends nichts zu fürchten.
Die sowjetischen Experten
hielten die Gefahr schon auf.
Ohne fremde Hilfe, hieß es,
kontrollierten sie den Unfall.
"Seht den Fortschritt!" Das posaunten
sie wie einen Sieg hinaus.
Mancher treue Bürger nagte
nachdenklich an seiner Lippe:
"Wo ist denn dabei der Fortschritt?"
Kannte sich nun nicht mehr aus.
Und du, Motrja, was denkst du denn?
Wie steht’s mit dem Zukunftsglauben?
Hat doch Tüchtigkeit und Fortschritt
die Havarie fest im Griff!
Motrja, was empfindest du denn?
Sehe ich dich doch hier weinen.
Was erregt dich? Komm und schütte
deine Herzensunruhe aus.
"Ach, mein Kind", hört’ ich sie klagen,
"liebes Kind, was wird nun werden?
Wirst du … noch weiter werden?
Oder eine Totgeburt?
Wirst du Augen haben, Ohren,
werden dir auch Finger wachsen?
In der Hüfte spür’ ich Stiche
und im Bauch, wo du bist, auch.
Kind, was sagst du zu den Strahlen?
Quälen sie dich? Lass mich hören!
Sag doch etwas! Oder deck das
Herzchen mit den Händchen zu.
Gestern trank ich Milch, aß Gurken,
lag im Gras, es schien die Sonne.
Trank auch Milch vergangene Woche
und davor die Woche auch.
Ach, was aß und trank ich alles,
wie oft lag ich nicht im Rasen?
Heute melden sie, die Milch sei
radioaktiv verseucht.
Quält dich etwas, Kind, so sag es.
Wo tut’s weh? Lass es mich hören.
Sei nicht böse, Kind, ich tat doch
alles, was ich tat, für dich!
Schätzchen, höre, was mir träumte:
Siehst du, du bist schon geboren,
und ich halte dich in Armen,
nahm dich aus dem Bettchen raus.
Und dein Bett ist eine Wiege,
weich, mit Rädern und geflochten
aus den besten Weidenruten,
und einem Verdeck darauf.
In der Wiege liegen Polster,
prall, mit weichen Gänsedaunen,
die ich selbst in langen Nächten
für dich schleißte, angefüllt.
Warm und weich bist du gebettet,
und ich wache Tage, Nächte,
bei dem kleinsten, schwächsten Seufzer
schrecke ich aus seichtem Schlaf.
Eine Rassel, einen Springball,
einen Bären und ein flinkes,
bunt geschecktes, aufgezäumtes
Schaukelpferdchen hast du auch.
Stillte ich dich, Schatz, und schläfst du,
spanne ich das weiße Nähgarn
in die neue Nähmaschine,
schneidere einen Sonnenschirm.
Denn in meinem Traum ist Juli.
Du trittst in den zweiten Monat,
darfst gelegentlich ans Freie,
und ich spann den Schirm dir auf.
Friedlich schlummerst du. Ich sitze
schweigend dicht an deiner Seite,
und mit einem Seidenfächer
halte ich die Fliegen fern.
Schlafe, Kindchen, schlafe ruhig,
ich behüte deinen Schlummer,
blicke auf die roten Bäckchen,
keine Müdigkeit kommt auf.
Höre, Schatz, was mir noch träumte:
Du trittst in den siebenten Monat.
In den Ästen knacken Fröste,
Weihnachten steht vor der Tür.
Du erhältst von mir zum Neujahr
einen Brief mit gelber Schleife.
Er besagt, was ich dir wünsche
für den weiteren Lebenslauf.
Er enthält auch viele Fragen:
Wirst du lebhaft, munter werden?
Oder neigst du zur Verträumtheit?
Hast du für Musik ein Ohr?
Ob beständig, wankelmütig?
Was ist dein Berufsinteresse:
Bist du handwerklich veranlagt,
zum Studieren talentiert?
Du wächst auf, das Jugendalter
steht bevor … wird es bevorstehen?
Ja, wirst du geboren werden?
Kind, was tuen sie dir an!
Kind, was tuen sie dir an!"
Rief sie aus, aus ihren Blicken
sprachen tief gefühlte Schmerzen,
kraftlos sank der Kopf herab.
Dann erhebt sie sich von neuem,
stammelt mit gebrochener Stimme:
"Spielt, los, spielt … bis alles hin ist.
Mit Raketen, Raumflugkörpern,
baut noch mehr Atomreaktoren,
mäht die Menschenmassen nieder,
… doch das Kind verschont mir bloß!
Löscht nur Menschenleben aus …
Tretet immer vor die Kameras
und versprecht, wir mögen
absolut Vertrauen haben,
steht persönlich dafür ein.
Gebt uns alle Garantien.
Und wenn doch etwas passiert:
Rechnet mit enormem Tempo
prompt die Zahl der Opfer aus.
Alles bestens, ha, wie prachtvoll!
… Kind, … was ist dir? …
Ach, ich spüre, Kind, du windest
dich, verseucht, in einem Krampf.
Ihr verlest Proklamationen.
Wisst ihr denn, was sie bedeuten?
‘Schwangere mögen sich melden,
Abbruch könnte nötig sein.’
Kind, sie rücken dir zu Leibe.
Niemand wird dich mir entreißen!
Bist du doch mein Ein und Alles.
Wozu ohne dich noch sein?
Bin ein Stier in der Arena,
rings bedroht von Strahlen-Speeren.
Wissen nicht, dass Leben höher
wiegt, als jeder Wirtschaftswert!
Ach, … der Strick, er ist geflochten
eigentlich für eine Schaukel,
eine heitere Kinderschaukel.
Muss nun hierzu dienlich sein.
Hier, an diesem Ast, der seinen
Schatten über uns ausbreitet,
wollte ich die Schaukel knüpfen,
knüpfe mich nun selber auf."
Gänzlich den Verstand verloren,
sank sie rasend auf den Boden,
hieb sich auf den Leib und raufte
dicke Büschel Haare aus.
Ich verließ sie, denn ich konnte
sie auf keine Weise trösten.
Doch am nächsten Morgen kehrte
ich mit furchterfülltem Herzen
dumpf erregt von einer Ahnung
zu dem Ort zurück am Hügel.
Leise rauscht es in den Zweigen,
dünne Äste wiegen leise,
in der Krone zwitschern Vögel,
baden in den Sonnenstrahlen,
und die weiße Birkenrinde
blinkt von ferne silbrig her.
Winde säuseln in den Blättern.
Doch dies Säuseln wird hin künftig
nur gebrochene Erinnerung
an die besseren Zeiten sein,
an die Zeiten vor Tschernobyl,
als Wind, Wasser, Luft und Rasen
noch nicht seuchenschwanger waren,
Strahlung nicht all überall.
Winde zerren an den Stricken,
ganz wie vordem, vor Tschernobyl.
An dem Ast baumeln die Motrja
und ihr ungeborenes Kind.
1986, nach dem Reaktorunfall
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