Orte von Nürnberg und Oberfranken über die Westkarpaten und Prag bis hin zum Golf von Salerno haben mich mit ihrem besonderen Flair, ihrer individuellen Kultur und Daseinsform immer wieder zum Dichten angeregt. Bis in die Gegenwart hinein schreibe ich auf Orte reagierende Lyrik. Manches davon ist Reiselyrik, anderes Aufenthaltslyrik, wenn es Momente der Wohnorte meiner Lebensabschnitte in Niederösterreich und Wien, Oberfranken und Mittelböhmen einfängt.
Gründonnerstag
(Aus dem Zyklus: Ostern)
Ein triefender Schnürlregen
zerstiebt auf dem Gehsteig
und benetzt meine Schuhe.
Der Wind pustet uns
die Nässe ins Gesicht.
Stumm wandeln wir am Stadtgraben entlang.
In der inneren Stadt
Tritte beschlagener Schuhe.
Fackeln flammen im Graben auf.
Sie küssen die goldenen Weiden
und liefern sie versengend aus.
Wir ziehen still weiter.
Nürnberg, 1988
Vorfrühling
An den Kirschbäumen
trocknet der Schorf
der Winterkrätze
Der pfützentrübe
Wolkenteppich
senkt die Fransen
Und fährt mit
seinem Kamm dem
Fichtenhain durchs Haar
Leergefegt noch liegt
die Landschaft
von allem Grün
Sie wirft
keine Schatten
voraus in die Zukunft
Leupoldsgrün, 29.3.2016
Die Pummerin
von St. Stephan zu Wien
Mein Herz schlägt
wie der Klöppel
einer Pummerin
An eine Glockenwand
die aus Kanonenkugeln
einst gegossen wurde
Die Glocke trägt
in ihrem dumpfen, hohlen
ernsten Ton
Von ihrer ungestümen
streiterischen Herkunft
noch den wilden Klang
Mein Herzchen fühlt
bei jedem Schlag
der an den Glockenmantel rührt
Ein Wallen in seinem Blut
es fühlt zum heißen Orient
sich hingezogen
Und hängt doch fest
in gusseiserner Öse
am kurzen Strang
Tagesanbruch bei Rio
Der Morgen spreizt
die Silberflügel
seiner Schere
Geköpfte Kegel dösen
in der schummerigen
Nebelleere
Gestade zelebrieren
schon seit Äonen
zerschnittene Ellipsen
Ein Wolkenturm
zückt einen Dolch aus Licht
aus seiner Scheide
Ein Wimpernschlag
der einem Gott gehört
ein ewiges Axiom
Rio de Janeiro, Jänner 2005
argan öl kooperative
die blicke vergraben im wüsten
geröll zerschellter nuss schalen
vier frauen abgewinkelt am boden
im blüten gewitter ihrer dschellabas
und wir hinter der schau fenster
flucht der argan öl kooperative
pilgern vorüber auf müßiger hadsch
zoomend bohr löcher für tief brunnen
draußen im hof schleifen smaragdene
pfaue ihre gefalteten augen im staub
des schattens der tamariske beim tor
drinnen in der kaaba wälzt sich
bräunlich vom mörser zur mühle
argan mus zäh wie erkaltete lava
Marokko 2019
Warten auf Heimkehr
Meine Vögel flattern
auf den Dorfahorn nieder
Im sprenkligen Kronendach
finden sie Ruh
Warum bin ich gekommen?
Warum gehe ich wieder?
Ein Schwall Schweigen
flutet die Kehle
Plazentaverwobenes
Schweben im Nichts
Gemüt erwacht
aus dem Nachklang der Zeit
Ein Zug mit Hörnern und Flöten
trägt mich dereinst
Den Ahornmenschen zu
in aller Fremdheit
Hohenau an der March, 7.08.2011
Abend am Chrást
Die Rufe der Käuzchen
haben ihn eingeläutet
eine Junggänseschar mengt
ihr helles Geschnatter darein
Von Angesicht zu Angesicht
mit der gotischen Kathedrale
des hehren Lindenbaumes
Lausche ich
Ein Turmfenstermosaik
hoch droben schimmert hell
es liegt in der Augenachse
des blinzelnden Abendgeistes
Alena vom Nachbargarten
schlingt das geschmeidige Band
ihrer Stimme um Kinder und
Enkel, die jetzt zu ihr finden
Jo-o-o-o-o, wie geht es euch?
Ich möchte die auskragenden
Ranken der Warmherzigkeit
niemals mehr hier missen
Mein heißer Blutcocktail pulsiert
in den angespannt spreizenden
Fingerspitzen zum Taubengurren
schmiedet die erhobenen Hände
zur horchenden Andacht
Zwei Jahre habe ich kein Gedicht
mehr geflochten, keins gedrechselt
So viel verlorene Lebenszeit
Ganze Jahre abgewürgt
Der Golden Retriever bellt
Ich weiß, wer er ist
Das Käuzchen ruft
Ich weiß, wer es ist
Grillen zirpen hinter meinen Ohren
der Gänseschaar Parole bietend
Ein Hund bellt
Der Hund
Ein Käuzchen
Die Gänseschar zirpt
Hören wir auf
das Leben
Leben, lass
uns dich hören
Sedlec, 19.8.2025
Der Ort „Chrást“ im Gedichttitel ist ein alter Flurname. Das Wort „chrást“ bezeichnet ein „raschelndes Strauchwerk“.
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