Reflexive Lyrik habe ich unter verschiedensten Gesichtspunkten und in vielfältigen Formen in allen Phasen geschaffen. Zuweilen erscheint sie existentialistisch und rebellisch, dann wieder meditativ oder gar mystisch. Die nachfolgende kleine Auswahl ist aufgrund der Fülle solcher Gedichte nicht repräsentativ, sondern zufallsgeneriert.
Den Eliminierern
Warum öffnet ihr, Menschen
eure Herzen so tief
warum lasst ihr es zu
dass fremde Blicke so tief
hinab in die Herzkelche gleiten
Warum, Menschen, entblößt ihr
die Schlünde
Abgründe
schwarzen Pfründe
den Dreck
am Boden der Herzen
von Würmern zerfressen
voll Schamlosigkeit
Hütet euch, von diesem Baum zu essen!
Dass, wer diese Schlünde
den Boden der Herzen
die Neige des Kelches
die pechschwarzen Pfründe
erblickt
am hustenden Blut
der Beklemmung
erstickt
Prag, 7. 8. 1985
Im Fenster dort ein
schwarzer Kopf - der Abend
Im Fenster dort ein schwarzer Kopf - der Abend,
verneigt sich stumm, dann schwebt er grau herbei,
die Büsche kühl erstarren im Gezweig
wie Menschenhände, wenn sie innig beten.
Ein schwarzer Flügel dort im Hof - ein Reden,
ergreift ein Ding, das ihm schon lang gehört,
bohrt sich in es wie Sporen in ein Pferd,
entfernt sich dann, um in den Flur zu treten.
Und ich war heute nicht allein, Erinnerung
berührte mich und saß bei mir am Tag,
schlich mir noch nach bis in das Schlafgemach
und wird auch weiterplaudern, wenn ich schlafe.
Nürnberg, 1989
Heimat
Ist sie Gefühl
ein Wort
ein Mensch
ein Ort?
Und wieder hat mich
aus befriedetem Schlummer
aufgestört der väterliche Bass
eines Bach´schen Präludiums
am Violoncello
Nun wüsst´ ich eben gern
wohin ich denn gehör´.
11.02.2006
Lebenskraft
Den Wurzeln knorriger Bäume
fühl ich mich verwandt
Mit weitverzweigten
blutgefüllten Adern
Die mir die Last des Lebens
mühelos beinahe tragen
Und oftmals zweifeln
doch nie ratlos fragen
Wahrheit
Erkennt man daran
dass sie das Gemurmel
uralter Ozeane enthält
Und die Strahlenblitze
der ewigen Sonnen
in der Pupille des Alls
Aufgelesen
Was wäre alles Licht
dieser Welt
wenn kein Auge
es wahrnimmt
Fühlt
Eine brennende Liebe
mit Füßen getreten
blind übergangen
achtlos verworfen
Verspielt
18. 10. 2008
Harmonia mundi
Über allen Wipfeln flaut
Abendluft neblig
Schweigen und Ruh
Im Herzen
kauerst
lauerst Du
Draußen:
Wolken aus Düften
geborstener Geigensaiten
Und Schwaden von
erkalteten Schornsteinen
geballte Fäuste aus Rauch
Dreierlei Zeit
Wie langsam die Windräder
sich drehen, sie ziehen
das Hexadezimalsystem
der Zeitmessung in Zweifel
Rehe hüpfen von der Brunft
auf Wildbrücken in die Aufzucht
über den Köpfen der Raser
gegen den Strich der Zeit
Leupoldsgrün, 29.3.2016
Das Mädchen
Ich sollte euch stetig
zur Freude gereichen
Ein Apfel mit roten Backen
saftig und süß
Ich sollte an eurer Seite
nicht sein, doch bleiben
Lilienhaft unberührbar
erhebend und rein
Ich sollte als Strahl
von innen die Brust erhellen
Sanft wie die Sonne
beim Aufgehen scheint
Ich sollte das Leben, das eure
am Rande nur streifen
Ich sollte nicht sein
doch auch nicht weichen
Ich sollte immerzu sprudeln
ein Bächlein ohne Quell
2009
Der Selbstmörder
Er hätte sich vielleicht gewünscht
dass wir ihn suchen mögen
Schließlich fanden wir ihn
Erhängt am Strick
rechts in der Ecke
des Schüttbodens
am Querbalken
In der Finsternis
schräg oberhalb
der aufgeklappten
Dachbodenluke
Es kostete nicht viel Mühe
ihn zu finden
Zamardi, 24. August 2013
Das Leben
Das Leben ist ein einziger Strom
und nicht erlaube ich der Zeit
ihn in Segmente zu zerschneiden
Die Seele ist ein Medaillon
das Glied einer Unendlichkette
weder ein Anfang noch ein Scheiden
Der Mensch ein feines Perlenrund
in dessen Glanz bis in den Kern
durchscheinen Ewigkeiten
2000
Es wehte ein Wind
Es wehte ein Wind
die ganze Nacht
Er bewegte
die Zweige gelind
Ich habe daran
in der Nacht gedacht
Was wohl
wir Menschen sind
Emsig sind wir
emsig wir sind
Gelind die Zweige
wogten, gelind
2008
Fromme Seele
Es gibt ihn
den Erlöser
Er ist der Glaube
in Person
2012
Seinsgewissheit
Ich kenne mein Woher
und weiß was werden
soll; ich trag mein Leben
in der Westentasche
Wie einen Klumpen
feuchter Erde
spaziere ich abends frei
entlang dem Fluss
Und jeder Vogelschrei
zusammen mit Gesang
vom Fernen her
gleicht einem warmen Kuss
Nachtwanderung
Eine Monade
vermummt
in ihren genetischen Code
schleiche ich
mit hochgeschlagenem Kragen
entlang der Uferpromenade
Das Treibholz der Schiffe
die Glühwürmchen der Trams
die blinden Schlafwandler
und versunkenen Angler
alle ziehen sie
ihre eingespeicherten Pfade
Doch der Kosmos
leiht uns sein verschwiegenes Ohr
Eines für alle
Prag, 2.11.2004
Regeneration
Ich fühle die Reinheit
die Stille
und meine Seele
die ungetrübt lacht
Sie ist mit der Freiheit
des Willens erblüht
im tiefen Dunkel
der Nacht
Marienbad, Juli 2005
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