Prager Motive in Fotos und Poesie
Zwei Ereignisse in unserem Leben tragen sich zu, ohne dass wir einen wesentlichen Einfluss darauf nehmen können: Geburt und Tod. Zwischen diesen beiden Polen der Zufälligkeit vollziehen wir die windungsreiche Wanderung, die dem uns geschenkten Leben seine unverwechselbare Gestalt verleiht. Diese Wanderung ist eine stete Suche nach der verlorenen Mitte, nach jener Daseinsweise, die in uns angelegte Kräfte und Erfüllungen menschlicher Existenz im größtmöglichen Maße Wirklichkeit werden.
Den Fotografen und die Lyrikerin hat die Suche nach der verlorenen Mitte von einem Wohnort zum anderen getrieben. Die geografische Bewegtheit ihrer Biografien spiegelt dabei die seelische Unruhe, die Stärke ihres Suchens wider. Sie gehören verschiedenen Nationen, Kulturen und Sprachgemeinschaften an und haben große Lebensabschnitte unter jeweils anderen Umständen in unterschiedlichen europäischen Ländern zugebracht. Gerade dieser weite Bogen ist es jedoch, was sie zu dem gemeinsamen Publikationsprojekt zusammengeführt hat.
Gedicht und Fotografie führen ein stummes Zwiegespräch miteinander, das um das gemeinsame Motiv kreist. Sie stellen zwei Arten von Münzen dar, in denen ein ästhetischer Impuls geprägt ist, aus anderem Stoff zwar, doch in miteinander korrespondierenden Gestaltungsprinzipien und Verfahren.
Karlsbrücke
Sie ruht als wie der Stein
von einer Frucht
durch den die ewigen Kräfte
schattenartig gehen
Auf Pfeilern
die wie starke Beine
bis in den Feuerkern
der Erde reichen
und keinem Drängen weichen
Und mit Laternen
die nicht leuchten
sondern glühen
und nur die Wege weisen
Damit ein jeder
der vor irgendetwas
ist auf der Flucht und Reise
sich kehren mag
zu dieser Mitte hin
Copyright: Stanislav Tůma
Der Hradschin
Ein Schloss
das wegschließt
Niederlagen einer Stadt
die sie erlitten
im Vergangenen
und künftig vor sich hat
Ein grünes Siegel
zur Blendung aufgeprägt
auf den gewundenen Brief
des unbewältigten Narratives
zwiespältiger Geschichte
voll geborstener Mosaike
Und eine aufgeblätterte
Fibel
die labernd Fährten aufzeigt
im unerschlossenen Labyrinth
all des verbohrt Verschwiegenen
hinter stolzen Giebeln
Die Kleinseite
Formen
wie von einem Los gezogen
und durch den Zufall
eines Würfelspiels
zur Symphonie
der ganzen Stadt gefügt
Aus Farbe und Gestalt
mit einem Pinsel
unbedacht zunächst
bloß hingekleckst
und nachher erst bewusst
zu Ende ausgemalt
Wie wenn ein kleines Kind
die Melodie erprobt
die seine Mutter
ihm hat eingegeben
und nach der ersten Strophe
lässt es launisch sein
Wie eine seichte Welle
sich erst zierlich kräuselt
und kraftlos plätschernd
dann am Rand
des rauen Steins
der Ufermauern bricht
Und doch, das Ganze trägt
dieselbe ebenmäßige Handschrift
die aus den Neigungen
der Dächer spricht
und selbst beim flüchtigen
Begehen wird gefühlt
Copyright: Stanislav Tůma
Der Altstädter Ring
Sind sie Bettlerinnen, Prinzessinnen?
Zwei zarte Mädchen
die anmutig Räder schlagen
und Akrobatik vorführen
vor dem aufgestellten Hut
Der Altstädter Ring besänftigt
den Widerstreit
zwischen Jahrhunderten und Weltbildern
und mit dem Orgelklang des Domes zu St. Niklas
verschlingen sich die Worte des Jan Hus
Hierhin lenke ich meine Schritte
wenn ich den Wunsch nach Aussöhnung fühle
Stanislav Tůma, Maria Hammerich-Maier: Prager Motive in Fotos und Poesie. Praha 2004, ISBN 80-239-3029-X
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