Prosa

Mitteleuropa ist eine Reise wert

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Mitteleuropa ist eine Reise wert

Mitteleuropa ist eine Reise wert

Ein Routenplaner führt die LeserInnen durch diesen Erzählband, den ich unter meinem Künstlernamen Ria Airam herausgebracht habe:

Nach dem Studium der Slawistik an der Universität Wien ging ich 1990 nach Prag. Der epochale Wandel der kommunistischen Ein-Parteien-Diktaturen zu pluralistischen Demokratie brachte in der Übergangszeit verschiedene Kinderkrankheiten mit sich. Über manche, wie jene der Erzählung „Romanze am See“, kann man lächeln.

Nach dem Zusammenbruch der ideologischen Scheingewissheiten der marxistisch-leninistischen Doktrin griff in den neuen Demokratien ein erschreckendes ideelles Vakuum um sich. Das entdeckten sehr bald auch Sektierer, Fundamentalisten und - „Wunderheiler“.

Zu den nachhaltigen Erblasten der kommunistischen Diktaturen gehört die Verwüstung der zwischenmenschlichen Beziehungen. Das gewaltsame Umkrempeln der Gesellschaft und die zahlreichen Tabus, wie das faktische Verbot einer freien Religionsausübung, zogen Gräben, die oft mitten durch eine Familie gingen. In „Die Kassette der Schwester“ führen sie zur Wahrung eines Geheimnisses über den Tod hinaus.

Was verschafft mir wahres Glück? Weltreisen zu unternehmen und im Luxus zu schwelgen? Oder dass ich mit unbelastetem Herzen dem Rauschen der Birken lauschen kann? Ohne die Achtung der Persönlichkeitsrechte und des Einzelnen geht es in keinem Fall, wie sich in „Genuss ohne Grenzen“ zeigt. 

Die Liebe, ach!, sie ist in Böhmen genauso ein „Labyrinth“ wie überall sonst auf der Welt. 

Die Kunst des Schürzenjagens und ein Scherbenhaufen zarter Mädchengefühle treffen in „Birkengrün“ aufeinander.

Ein verunglücktes Konzert, das auf böhmische Art doch noch zu einem guten Ende geführt wird, ist in „Stabat mater dolorosa“ zu hören.

Das älteste Gewerbe der Welt wird in „Fünfzig Kilometer zum Glück“ aus weiblicher und sozial verantwortungsbewusster Sicht sowie mit einer gehörigen Portion Empathie und Kritik unter die Lupe genommen. Der zynische Missbrauch von naiver Sehnsucht nach Glück und jugendlichem Leichtsinn macht Tonka wider Willen zu einer Göttin der Liebe. 

Soziale Migration geht im Zeitalter der Globalisierung in allen Altersgruppen, sozialen Schichten und Ländern vor sich. Ron versucht sich darin in „Der Ruf des Flamenco“.

Die offenen Grenzen Mitteleuropas bringen neben den neuen Möglichkeiten und Chancen auch grenzüberschreitende Kriminalität, Prostitution und Unfälle mit sich. Als Sprachmittler im grenznahen Oberfranken brauche ich weder aufzuklären noch anzuklagen, zu verteidigen oder zu richten. Es ist zuweilen reizvoll, die vielfach gebrochenen Lebensläufe, die Verkettungen von Umständen und Ursachen sowie die psychische Verfassungen von Akteuren zu analysieren und nachzuempfinden, besonders wenn diese ohne eigenes Zutun ins Unglück schlittern, wie in „Das Gesicht der Toten“.

Birkengrün

Julka trat zu der bauchigen Vase aus geschliffenem Bleikristall auf der Kommode im Wohnzimmer. Sie strich mit dem Finger zärtlich über die hellgrünen Blätter, die an den Birkenzweigen ausgeschlagen hatten. Eine ungerade Zahl von Zweigen müsse es sein, hatte ihr der Vater aufgetragen. 

Das war am ersten Samstag im Advent gewesen. Sie hatte den knöchellangen, taillierten Flauschmantel übergezogen, den ihr der Vater geschenkt hatte, und war mit einem Küchenmesser in den Park hinunter gegangen, um die Zweige zu schneiden. Die Bezirksverwaltung hatte die kahlen Rasenflächen zwischen den plumpen Plattenbauten vor einigen Jahren mit jungen Bäumchen bepflanzt. Seither war die Vorstadtsiedlung nicht mehr ganz so trostlos. Fünf oder sieben oder neun. Weiß Gott, warum es eine ungerade Zahl sein musste. Vielleicht hatte der Vater auch bloß gescherzt. Man wusste bei ihm nie, was er ernst meinte und was nicht. Aber sein Wille war für Julka Gebot. 

Sie war gerade dabei, Zweige an einer jungen Birke auszuwählen, als ein Rentner mit einem stämmigen blonden Pudel den Kiesweg entlang kam. Er blieb stehen und beobachtete das zögernde junge Mädchen in dem schwarzen Mantel schweigend. Julka schoss das Blut in die Wangen. Wer weiß, dachte sie, vielleicht ist es verboten, Zweige im Park zu schneiden? Doch nun prangte auf den aschgrauen Zweigen helles, leuchtendes Blattgrün. 

Es war sieben Uhr vorüber, Zeit für das Abendessen. In der gusseisernen Stielpfanne auf dem Gasherd hinter der Trennwand schmorte das Essen, das der Vater am Vortag für sie beide zubereitet hatte. „Algarve-Mix“ nannte der Vater die Speise, die er selbst ausgedacht hatte. Es war Julkas Leibgericht, und der Vater kochte es oft. Er kochte immer so viel davon, dass es für zwei Mahlzeiten reichte. Der Geruch von gebratenem Fisch, Porree, Paprikaschoten, Tomaten und Sojasoße drang ins Wohnzimmer. Über den Bildschirm des Fernsehers flimmerten die Abendnachrichten. Die Koalitionsparteien stritten über die Steuerreform. Ein Hochwasser überflutete Teile Kambodschas. Im Reichenberger Zoo war ein Kängurubaby zur Welt gekommen. 

Das Telefon neben dem Sofa schrillte. Julka fuhr aus den Kissen hoch.
„Ahoj, Kätzchen, alles in Ordnung?“, ertönte die seltsam hohle und zugleich so angenehm weiche, samtene Bassstimme des Vaters in der Hörmuschel. 
„Ja, schon.“
„Wie war die Chemieprüfung? War sie nicht zu schwer?“
„Nein, es ist ganz gut gegangen. Nächste Woche erfahren wir die Ergebnisse.“
„Julka, wärm dir den Algarve-Mix in der Pfanne schon einmal auf und iss. Warte nicht auf mich. Es wird heute spät werden, ich habe noch eine dienstliche Verabredung. Und vielleicht bringe ich einen Besuch mit nach Hause. Lass dich von uns nicht stören. Gute Nacht, schlaf gut, Kätzchen, Bussi.“
„Gut. Gute Nacht, Papa. Bussi.“

Die Reichenberger Eishockeymannschaft war in der Nationalliga um einen Platz vorgerückt. In der Nacht würde die Temperatur in Nordböhmen bis minus zehn Grad sinken. Der morgige Tag würde sonnig, dabei aber klirrend kalt werden. 

Julka ging um die halboffene Trennwand herum in die Küche. Die eine Seite des schlauchförmigen Raumes nahm eine weiße Küchenzeile ein. In der Ecke stand ein halbkreisförmiger Tisch, an dem zwei, zur Not auch drei Personen Platz finden konnten.

Die fettige Soße blubberte in der Pfanne. Julka hob den Glasdeckel hoch. Eine Dunstwolke wallte ihr sengend ins Gesicht. Sie stellte den zweiten Teller, den sie für den Vater vorbereitet hatte, in den Hängeschrank zurück. (…)

Es würde spät werden, hatte der Vater gesagt. Wie spät? Und was war das für eine Verabredung, die er hatte? Und wer war der Besuch, den er mit nach Hause bringen wollte? War das wieder eine jener Frauen, die er in den Gremien der Universität kennen lernte, die bei den Sitzungen im Rathaus neben ihm saßen und ihm auf Tagungen über den Weg liefen?

Alle erlagen sie seinem rauen, männlichen Charme. Dabei hatte Vater die Fünfzig schon überschritten. Aber er sah noch immer gut aus. Sein kantiges Gesicht mit dem gebräunten Teint, umrahmt von gepflegtem, schlohweißem Haar, war schön. Die tiefen Furchen, die sich von der Nasenwurzel zu den Mundwinkeln zogen, verliehen ihm einen Zug von Getriebenheit, von verzehrender Leidenschaft. Die muskulösen Schultern schienen jedes Sakko zu sprengen, und die sehnigen Hände waren feingliedrig, Architektenhände eben. 

Frauen gegenüber zeigte sich Vater mürrisch und wortkarg, er kehrte vor ihnen eine verdrießliche und missmutige Seite hervor. Dennoch flogen sie ihm an den Hals. Oder gerade deswegen! Alles nur Theater! Dachte Julka zornig. Tränen der Wut und Kränkung schossen ihr in die Augen. Diese dummen Gänse dachten wohl, Vater sei ihretwegen verdrossen, und dann taten sie alles, um ihn aufzuheitern. Ob ledig oder verheiratet, jung oder alt, Studentin, Karrierefrau, Sekretärin, oder Hausfrau, ob mausgraue Nonne oder aufgetakelte Modepuppe, keine widerstand seinem Charme. (…)

 

Ria Airam (Künstlername): Mitteleuropa ist eine Reise wert. Erzählungen. Rehau: Burg Verlag 2019. ISBN: 978-3-944370-93-4. Aquarell des Covers: Gunter Schmidt.