Sprache
Ich glaube an Worte
die aus der Tiefe
des Schweigens
zu mir herübersteigen
Ich brauch sie nicht rufen
und sie wissen
zunächst auch gar nicht
wofür sie stehen
Ich liebe die Worte
die auf sich selbst bezogen
durch ihre Töne
und Düfte hindurch
Sinn und Bedeutung
spinnen und weben
vorm Spiegel
der ihnen eingeborenen Welt
De profundis
Garcia Lorca
Wann endlich werden
nicht mehr die Wölfe über die Schafe,
sondern die Schafe über die Wölfe siegen?
Schwarzer Mond und heiße Sonne,
Dolch, gezückt zum Stoss.
Oliven, beladen mit Schreien.
Kaltes Blut auf dem Feld der Entwürdigung,
starrer Leib, im Gewand der Wehrlosigkeit,
geopfert für drei Sterne auf der Schulter einer Uniform.
Wann werden die Schafe siegen?
Der Mensch über den Satan?
Der Mut über die Feigheit?
Das Leben über den Tod?
Wann werden die Schafe siegen?
Friedhöfe der Namenlosen auf den Falten
des nährenden Leibes von Mutter Erde.
Kreuze, das trostlose Ufer gegenüber den Sternen.
Schwarzer Mond und heiße Sonne.
Dolch, gezückt zum Stoss.
Oliven, beladen mit Schreien.
Wann endlich werden
nicht mehr die Wölfe über die Schafe,
sondern die Schafe über die Wölfe siegen?
Über die Feigheit der Mut?
Schwarzer Mond und heiße Sonne …
Wien, 1987
Dame mit Hermelin
von Leonardo da Vinci
Orakelaugen besaßest du wie Blüten,
wenn sich die Spitzen öffnen,
Sie weissagten dem Maler deinen Willen
im schillernden Brunnen ihres Lächelns.
Ein Streicheln von deiner Mutter Hand
band den nußsanften Haarkranz unter dem Kinn.
An der Perlenkette maßest du die Zeit,
sie fügte dir keine Wundmale bei.
Stets trugst du den Hermelin auf dem Arm,
der dir ins Herz geschrieben war.
Um deine Stirne legte Leonardo einen Reif,
worunter deine Sehnsucht lilienhaft blühte,
Und um die Schulter einen Mantel blau
wie der unserer Lieben Frau,
Vollendend deiner Wangen weißen Hauch,
stürzte ihm Schwermut ins entbehrende Aug`.
Nürnberg, 1989
An der schönen blauen Donau
Der Auftakt lockt
mit fieberroter Ungeduld
als wäre es schon Zeit
Und stockt zur Pause
um im Zeitlosen
des Dreitakts zu verweilen
Saumselig in der Coda
wie das Trollen
junger Wolkenherden
Und schwebt ins Leere
hin zum selbstvergessenen
zum bloß erträumten
Zum unbewusst
verheißungsvollen Reigen
von Leidenschaft und Tod
Mozarts Tod
Weil
seine Musik
allzu sehr gefiel
Zeigte er sich
Gefälligkeiten
abhold
Es hatte
die Ewigkeit
ihn schon ereilt
Noch ehe er
im Leben
vor Anker ging
Er stürzte
ins offene Grab
seiner Genialität
11.08.2011
Ballast an Bord
Die Lyriker
sind doch
nicht recht bei Trost
Sie brechen
die Zeiger
zum Nordpol ab
Und lassen die Seele
magnetlos
im Meer
irrlichtern
unter den Gestirnen
Die Menschenseele
Allerseele
Weltseele
Werfen wir die Gedichte
von Bord
sie ticken nicht
20.8.2013
Zyklus „Unterwegs“
I. Zum Wort
Mit dem Lichtbogen
meiner Kreativgier
Durchtrenne ich
den Schweigemantel
der Wörter
Bis auf den
keimenden Kern
II. Zum Schaffen
Galgenstricke
aus Binsengras
Winden die Wörter
in unbewusster Weile
Ich entflechte sie
unterm Niederschlag
des Atemdunsts
In hellwachen Nächten
Befülle die hohlen Hülsen
mit Herzmark
Ich entnehme
Ich entnehme
mit meinem Empfinden
der Erde die Schönheit
Wie ein Harzer der Rinde
der Lärchen
das Harz
Und bestreiche
damit alte Wunden
wie ein Böttcher
Die Ritzen zwischen
den Eichenbohlen
mit Pech
Marienbad, Juli 2005
Maria Callas
Strauchelte sie
mit blinden Augen
wie sie stand
Es torkelten
bestürzte Hände
ihr zu Hilfe
Und richteten
Luzifers Stimme
beflissen auf
Willkürgeprägt
bewusstseinsfrei
und körperlos
Indes der Tage
ungelenker
abgerissener Lauf
Den Witwenschleier
um die Lebenslüge
schlang
Prag, Dezember 2011
Der Notenheger
Zu „Das schlaue Füchslein“
von Leoš Janáček
Der Hochwald rauscht
Ungeziefer und Frösche
huschen durchs Laub
Die Seerose Terynka
lockt nymphenhaft anmutig
vom Teichspiegel der Försterei
Aus ihrem Wurzelbau
blinzelt die sinnenfreudige Füchsin
und wittert ihre Falle
Sie hat ihr listiges Spiel
mit dem blasierten Hahn
geendet im fatalen Biss
Der Eros der Freiheit
verwischt die Tränen
der Nachgeborenen
Am Ufer schwingt der Notenheger
tiefsinnig den Spazierstab
Geht spinnt phrasiert webt
Spinnt geht wirkt und verwebt
im Ungleichschritt des Stocks
entflohene Betörung
Zu einem Sprechspiel
eh der Abend niedersinkt
für die Bühnen der Welt
Berlin, März 2026
Sprachenergie
Wie sage ich
das Karmesinrote
im Blut
Den Schnee
der liegt
in Baumwollbäuschen
auf den winterlichen Erlenzweigen
Mir scheint
es müsste noch
verbindlichere Worte geben
Die aus der Stille kommen
und eng verbunden sind
den ungeteilten Kräften
die mittels Willensakten
wandeln neues Leben
Wie Föten
in dem weiten Weltall
ihres Uterus
vor der Geburt
16.2.2005
... mehr Lyrik
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