Schöne Literatur

Ivan Klíma: Stunde der Stille

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Stunde der Stille

Stunde der Stille

Auszug aus dem Vorwort:

Dem Roman liegen Recherchen für ein ursprünglich geplantes Filmdrehbuch zugrunde. Zu diesem Zweck hielt sich der Autor ein Vierteljahr in der Ostslowakei auf, dem Schauplatz des Romans, der in der Zeit unmittelbar nach dem Zweiten Weltkrieg bis in die frühen Fünfzigerjahre spielt. Das Filmprojekt wurde von den tschechoslowakischen Behörden damals nicht genehmigt. Der Roman „Stunde der Stille“ erschien 1963 im Prager Verlag Československý spisovatel und wurde in sechs osteuropäische Sprachen übertragen. Später geriet er auch aufgrund von Klímas Makel eines oppositionellen Schriftstellers weitgehend in Vergessenheit.

Der Roman repräsentiert jene Linie des Schaffens von Ivan Klíma, die sich philosophisch reflektierend mit der Orientierungssuche und Positionsbestimmung des Individuums in der Gesellschaft in Phasen historischer Umbrüche auseinandersetzt. Er bildet das erste Kettenglied einer Reihe von Prosawerken dieser Linie, die später unter anderem durch „Richter in eigener Sache“ und „Warten auf das Dunkel, Warten auf das Licht“ fortgesetzt wurde. „Stunde der Stille“ ist Klímas erster Roman, den der Autor selbst trotz mancher gestalterischer Unvollkommenheiten als eines seiner Hauptwerke betrachtet. (…)

Holzkirche im ostslowakischen Humenné (Homenau)

Textauszug

Kapitel 5 
Der Priester ruhte nach dem Mittagessen aus, er liebte die Siesta, gute und friedvolle Träume stellten sich dann ein, Szenen aus der Kindheit, rote Züge fuhren über Wiesen und bunte Tücher leuchteten am Himmel auf. Er kehrte in längst vergangene Zeiten zurück, in denen seine Seele noch unbeschwert gewesen war, nicht belastet mit diesem schrecklichen Unfrieden und der ewigen Angst.

Manchmal jedoch riss ihn ein Grauen aus diesen Träumen, das der Todesangst glich. Er hörte jemanden ans Tor pochen, dann deutliche Schritte, die näher kamen, und das Gegröle einer feuchten Kehle, und er konnte nicht unterscheiden, ob jemand hier und jetzt grölte oder in der Erinnerung. Er wachte ganz auf, der Traum kehrte nicht mehr zurück, er war ganz allein in der Stille der großen Pfarrstube, an deren kahlen Wänden sein Blick keinen Halt fand außer an dem düsteren Kreuz.

Auch diesmal riss ihn ein Pochen am Tor aus dem Schlaf, und als er den Weg aus dem Traum in die Wirklichkeit zurück suchte, konnte er das angsterfüllte Trugbild nicht abschütteln, das Pochen ging in Schritte über, und dann hörte er eine Stimme, die er gut kannte.

»Guten Tag, Herr Pfarrer«, grüßte Smoljak, »störe ich Sie beim Mittagsschlaf?«

»Nein«, antwortete der Priester schwer atmend, »ich bin immer im Dienst.« Seine Hände zitterten, und er musste all seinen Willen aufbringen, um ruhig zu bleiben. »Setzen Sie sich.«

»Ich werde mich nicht setzen.« Smoljak humpelte an dem langen Tisch vorbei zum Fenster. 

»Sie fragen sich, was ich denn will. Ob ich vielleicht vor dem Kreuz in die Knie gegangen bin. Das wäre ein Fang, was?«

»Ich bin kein Menschenfischer.« Der Priester bemühte sich, ruhig zu sprechen. »Ich fange niemanden. Niemanden«, wiederholte er, »alle sind vor Gott gleich.«

Smoljak drehte sich zu ihm um. Sein Gesicht war hässlich, bedeckt mit großen, geröteten Poren, die kräftige Nase hatte rote Flecken. Eine lange, blutunterlaufene Narbe reichte von der Nase bis zum rechten Ohrläppchen, sie zog die rechte Gesichtshälfte zusammen und legte das wunde, tränende Auge bloß.

»Ich suche den Mörder«, stieß Smoljak hervor.

»Den Mörder?«

»Irgendwer hat die Meinen verpfiffen, Herr Pfarrer. Was meinen Sie?«

»Ich weiß nicht«, antwortete der Priester, »es ist nicht meine Art, solche Worte zu gebrauchen.« Er war jetzt ganz ruhig, sehr konzentriert, setzte eine Miene teilnahmsvoller Würde auf. Denn seine Botschaft lautete: Mein Königreich ist nicht von dieser Welt.

»Vielleicht wissen Sie ja was«, keuchte Smoljak schwer. »Die Leute gehen zur Beichte. Eine solche Sünde vergräbt man nicht in seiner Seele…« Sein wundes Auge ruhte starr auf dem Gesicht des Priesters.

»Was wollen Sie von mir?«

»Aha, das Beichtgeheimnis!«, grinste Smoljak. »Aber es gibt doch Verbrechen … auch für Sie gibt es Verbrechen«, schrie er, »die kein Mensch decken darf…«

»Ich kann mir nicht vorstellen, was mich dazu bringen könnte, ein Geheimnis zu verraten, das ausschließlich für Gott bestimmt ist.«

»Ich, ich werde Sie dazu bringen! Verlassen Sie sich drauf!«

Der Priester schwieg. Er bemerkte, dass in einer von Smoljaks Taschen ein schwerer metallener Gegenstand steckte und sie nach unten ausbeulte.

»Sie leben unter uns«, schrie Smoljak, »und wenn wir sie nicht einfangen wie Raubtiere, fangen sie wieder an. Und richten noch mehr Unheil an als das, was sie schon verbrochen haben.«

Der Priester neigte den Kopf.

»Ob einer selbst getötet oder nur andere verraten hat«, sagte Smoljak hasserfüllt, »die Schuld bleibt die gleiche.«

»Entschuldigen Sie, aber zu richten ist nicht Sache der Menschen.«

Smoljaks Gesicht lief rot an. »Du Jesuit«, schrie er, »hast dir die heiligen Phrasen trotz allem nicht aus dem Kopf geschlagen?«

»Ich weiß, dass wir schuldig sind, alle sind wir in einer gewissen Weise schuldig. Aber ich kann Ihnen nichts sagen. Selbst wenn mir jemand etwas anvertraut hätte. Und es hat mir niemand etwas anvertraut.«

»Gut. Wie Sie wollen.« Smoljak humpelte zum Priester. »Wir werden uns noch sprechen, Herr Pfarrer! Aber anders als heute!«

 

Ivan Klíma: Stunde der Stille. Deutsch von Maria Hammerich-Maier. Berlin: Transit Buchverlag 2012, ISBN 978-3-88747-268-9

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