Lyrik

Die Wolkenbank, ein weißes Knebeltuch

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Aus dem Vorwort

Aus dem Vorwort

Vor allem das Krähen der Hähne war es, was mich jeden Morgen schon vor Sonnenaufgang auf die Terrasse unserer Unterkunft auf dem Bergabhang hoch über Amalfi lockte. Die Schreie brachen sich vielfach in den Nischen und an den Platten der Felsen, wurden zurückgeworfen, vervielfältigt, und daraus entstand ein kosmisch anmutender Gesang, dessen Zauber mich unwiderstehlich anzog. Dieses vom Echo verwandelte Krähen wird wohl der Frauengesang gewesen sein, der Odysseus zwang, seinen Männern die Ohren mit Wachs zuzustopfen und sich selbst an den Segelmast fesseln zu lassen, um sich nicht blindlings den vermeintlichen Sirenen auszuliefern. (…)

Gefesselt hat uns der Aussichtspunkt auf halbem Wege zwischen dem Götterpfad und den Untiefen des Golfs von Salerno, zugleich auch von aller Schwere befreit, durch seine oszillierenden Gegensätze: Es ist eine paradiesische Landschaft, doch der Alltag dort ist mühselig. Es ist ein karges und doch fruchtbarer Landstrich, ebenso altertümlich wie jung, ein lärmender Touristenmagnet mit einsamen, uralten Pfaden ringsum, auf denen seit Jahrtausenden Menschen einherschreiten. Diejenigen, die uns bei unseren Wanderungen auf den Bergrücken begegneten, waren schweigsam, als wären sie übererfüllt von einem beseligenden Glück - und ermattet von den Strapazen ihres Hirtendaseins. 

Ich wähnte mich in einer Wiege der Menschheit, über die das kräftige Lichtgespinst der mediterranen Sonne ausgebreitet lag und die zuweilen jäh von drohendem Donnergrollen erschüttert wurde, und die Eindrücke bedrängten mich so sehr, dass die Gedichte entsprangen, die dieser Band vereinigt. Zwischen Sonnenaufgang und Frühstück jeweils sind sie gesprossen, wenn ich eingewickelt in dicke Decken auf der Terrasse saß und von unserem Purgatorium hinausblickte, nach oben auf den Götterpfad und nach unten in den Schlund des Ozeans, von Angesicht zu Angesicht mit weißen Wolkenbänken, die wie erstickende Knebeltücher wirkten, zugleich aber auch wie beschwingte Notenlinien…

Golf von Salerno © Gunter Schmidt

Meditation im Geröll

Fort spült das Meer
den Spaltpilz der Illusion 
und knebelt ihn
mit dem weißen Tuch
der Wolkenbank
am felsigen Horizont                   

Wo Würgeengel
wachen mit gepflanzten
Lanzen

Verloren mäandert
die blutlose Echse Hoffnung

dünn wie ein Strichschatten
unter dem Felsblock
und huscht ohne Wink und Gruß
ins dörrende Gestrüpp

Auf dem Götterpfad

Ein goldbrauner Falter
ist mir flügelwippend gefolgt
durch sonnengebleichte Disteln
und dörrende Büschel
blühenden Felsengrases

Als ich den Berg hinanstieg 
um zu befragen die Götter

Sie antworteten mir 
mit schattenlosem Schweigen

und wussten mir keinen Dank
Ich trug die Last meiner Zweifel
ungeschmälert hinunter ins Tal 

Steinbrecher mit Maultier © Gunter Schmidt

Frömmigkeit

Sonnabends wischen  
die Steinbrecher

von Amalfi
des Staubes Trauer
aus furchiger Stirn
und schlüpfen 
in schwarz gegürtete
Büßergewänder

Es ruhen
die malmenden Räder
verstummt ist 
das blecherne Rattern 
der rostigen Eisengehäuse 
kein Fels noch Stein 
wird gebrochen
zu Platte noch Kies

Sonnabends
senken sie fromm
das schrundige Antlitz
und schürzen 
die Hände zu Kelchen
und knien nieder
zur Labung mit Manna
zur Salbung mit Wein

Sonnabends 
kauen die Maultiere
Gras und Hafer
und schlürfen Wasser
aus steinernen Trögen
in Bretterverschlägen
auf blondem Stroh
harrend des Mondscheins

Amalfi

Suchtgelb verkrallt sich 

die Sonne leidenschaftlich
in die züngelnden Strahlen
der Olivenbäume am Hang

Sie fächeln frohlockend
die glühenden Spitzen
der Finger zum Dank
für die tägliche Gnade des Seins

Das felsgraue Meer
erwacht gravitätisch
unter der uralten Sandbank
des Morgenhimmels

In der wallenden Federboa 
am dunstigen Horizont 
flunkert das Katzengold
ewig vergeblicher Hoffnung

Amalfi © Gunter Schmidt

Lampedusa

Hier schläft kein Gott
im Venusmeer

Die krause Strähne
des Greisenhaares
auf dem Wasserspiegel

ist von einem fremden
Flüchtlingsboot gezogen

Hier holen Fischer
keine vollen Netze
mehr an Land
und weiße Möwen nisten
nicht an warmem Strand

Gedärme treiben faul
hier nur von Menschen
deren klammer Glaube
ward betrogen

Gehenkt im Wind

Die Mäntel wehen leer

Verscherbelt gegen bare Münze
der Machtbesessenheit zum Pfand

Ria Airam: Die Wolkenbank, ein weißes Knebeltuch. Lyrik aus dem Golf von Salerno. Mit Aquarellen von Gunter Schmidt. Rehau: Burg Verlag 2016. ISBN: 978-3-944370-48-4.