Der dreiteilige erste Sonettzyklus entstand, als ich mich 23-jährig Hals über Kopf verliebte in einen Mann, den ich bis heute hoch schätze und dessen Geschicke ich auch später noch aus der Ferne mitverfolgt habe. Diese Liebe gehorchte dem Paradox, unerfüllt bleiben zu müssen, sie wäre sonst zerbrochen. Sie hat mich ungemein beflügelt und poetisch inspiriert. Zu jener Zeit machten die Sonette William Shakespeares großen Eindruck auf mich.
Der zweite, zehnteilige Sonettzyklus ist auf dieselbe platonische Liebe gemünzt. Er entstand drei Jahre später bei einem Winterspaziergang durch die Hügel meines niederösterreichischen Heimatdorfes. Die Shakespeare-Lektüre wirkte immer noch nach. Wie die Eruption eines Vulkans ist der Zyklus fertig aus mir herausgeflossen. Ich habe die Sonette dieses Wurfs nachher nur noch zu Papier gebracht, ohne viel daran zu ändern.
Dass ich zuvor schon einen Sonett-Zyklus geschrieben hatte, war mir nicht erinnerlich. Ich habe es erst bei der Auswahl der Gedichte für diese Website erstaunt entdeckt. So geht es mir mit vielen Gedichten. Erst wenn ich sie wieder schwarz auf weiß vor mir sehe, erinnere ich mich daran, dass ich sie einmal geschaffen habe.
Die Prosodie der Sonette ist unmittelbar aus dem Fluss der Gedanken und Empfindungen gequollen. Beide Reihen sind Winterzyklen.
Sonett-Zyklus I
Wie jung erscheinen mir die Tage.
Wie stark das Leben, klein der Tod.
Wie altersgrau und fahl die Not.
War das denn ich, die fast verzagte?
War ich es denn, die ohne Willen
in Kissen windend sich erhielt?
Die kaum noch wusste, was es gilt
ein Augensternenpaar zu fühlen?
Die ringend lag nachts in den Kissen.
Ekliges Leben! Hast mich, Tod.
Nichts wünschte, außer diese Not
der öden Tage nicht zu wissen.
Dein Aug’, ein Wink, den Hain zu sehen,
wo Persepolis Fahnen wehen.
Und Trauer, schwer wie Wolkenalabaster
klebt gleich dem Kraut von Rittersporn in meinen Augen
und wuchert auf der Matte meines Herzens,
schießt hoch ins Kraut und netzt verschossene Wälder.
Beschienen von der Milde deines Blickes
und lau besprüht vom Regen deiner Worte.
Und ganze Kolonien von Ritterspornen
entsprießen den Gefäßen meines Herzens.
Verdinglichte Empfindung, krasser Wildwuchs
von hohlen Früchten nicht erhörter Liebe.
Was kräftiger Erguss von Seelenkräften!
Was unablässige Vergeblichkeit!
Was hindert uns, dass wir Erfüllung suchen?
Dass sie vergänglich ist, auch diese Liebe.
Ringsum stand der Wald in Stille,
die Zweige berührte kristallener Wille,
am Waldrand ein Schimmer von Birken
weiß. Wie Schnee und Eis ihn bewirken.
Knisternd fiel die Nacht nun nieder.
Du gingst so her, ich fürchtete wieder,
du könntest straucheln. Schatten irrten
leis. Wie Mond und Laterne sie bewirken.
Unten lag des Eichenhains Winter.
Der Umriss des mächtigen Berges dahinter.
Du fragst, was von früheren Nächten geblieben
und ob sie in Gleichmut und Alltag zerstieben?
Erstorbene Liebe gleicht einem öden Ort,
quellender Sehnsucht ein felsiger Hort.
Herbst 1984
Sonett-Zyklus II
Das weiße Feld des neu gefallenen Schnees,
das alle Dinge unter sich begräbt,
hat wie dein züchtiges und reines Herz
auf seiner Fläche keinen einzigen Abdruck.
Ich bitte liebend, dass du mich erhörst,
und bin genauso glücklos wie der Hase,
der in dem lockeren Schneefeld einen Bau grub,
und dessen Werk der Wind sofort verblies.
Ich warte ganz umsonst auf einen Hinweis,
dass du bemerkt hast, wie ich für dich fühle.
Wie hitzig ich auch bin, du widersetzt dich
mit lauterem Herzen standhaft meiner Werbung.
Du tilgst den Eindruck meines Liebeswerbens
so wie der Wind die Spuren auf dem Schnee.
Dein quallenhaftes Herz verflüchtigt sich,
gleich einem prallen Beutel bunter Launen
lacht es unbändig nun, ist dann versonnen,
doch will ich greifen es, zerrinnt es zu nichts.
Mich quält dein göttergleiches, kühles Lächeln.
Die kühnen Augen können nicht ermessen,
wie sehr mich diese leichten Pfeile treffen,
und dass nicht Heiterkeit mich jetzt beglückt!
Krummer als ein verbogener Eisennagel,
verfänglicher als giftige Fliegenstreifen,
hässlicher als Hyänenbeine, schmähst du,
und bitterer als Mandeln sei die Liebe.
Das starre Herz des Löwen vorm Portal
erweich’ ich flehend eher als das deine!
Am Rande eines zugefrorenen Teiches,
der unter einer hohen Decke Schnee liegt,
bemerke ich, an seinem Ufer stehend,
ein rundes Loch, in dem ein Pflänzchen grünt.
Der Schneesturm fährt durch meinen dünnen Mantel,
die Kälte sitzt mir beißend in den Gliedern,
ich fühle, dass die Lippen starr und blau sind,
es wärmt mich nur von innen her ein Feuer.
Der Teich bis auf das Pflänzchen ausgestorben.
Von allem hat der Frost Besitz ergriffen,
die schwarzen Raben auf den kahlen Bäumen
finden schwerlich irgendwo etwas Nahrung.
Das Blatt grünt wider strengen Frost,
das junge Glück trotzt meiner kargen Armut.
So fremd, als hätte ich das nie gekannt,
ist mir der ehrwürdige Ernst des Domes,
die mahnenden Figuren in den Nischen,
das flehende Gebet vor dem Altar.
Der andächtige Sprechgesang der Stimmen
der betenden Gemeinde bei der Vesper
klingt müde im Vergleich mit jenem Jubel,
der mächtiger in meinen Adern schwillt.
Erst recht das jammervolle alte Weiblein,
das aufgeregt ein ewiges Licht entzündet
und dabei herzzerreißend schluchzt und seufzt,
wirkt wie von einem anderen Stern auf mich.
Mag Elend ohne Ende in der Welt sein,
wen kümmert es, ich hab’ mein junges Glück!
Ein wolkenloser klarer Wintermorgen
bricht sich durch grüne Stämme seinen Weg,
regiert bald unumschränkt, soweit man sieht,
ganz wie das Herz, das liebt, das Glück beherrscht.
Glücklich, wer jetzt noch sagen kann, er liebt!
Wer noch nicht gänzlich an der Welt zerbrach!
In wem die Pracht des winterlichen Waldes
das heilige Gefühl der Liebe weckt!
Das Glück hat etwas Göttliches an sich.
Die Splitter des zerrissenen Gemüts
fügt es mit wunderbarer Macht zusammen,
wie neuer Frost ehedem geborsten Eis.
Die Liebe schafft aus dem verletzten Herzen
ein Reliquiar geheiligten Gefühls.
So wie die steife Maske eines Clowns
den Zügen ihre eigene Form aufdrückt,
verlieh der hohe angewehte Schnee
dem hügeligen Land vollkommenere Formen.
Wo sich sonst durch die Felder Gräber ziehen
verlaufen sanft gewellte seichte Stege,
die tausendfach gefurchte Ackererde
verdeckt ein makelloses weißes Tuch.
Der erste Flug des Glückes ließ mich glauben,
die Liebe sei von jeder Plage frei.
Der mühevoll erst zu bestellende Acker
erschien mir wie der Garten Eden selbst.
Erst als ich dieses Trugbild überwand,
erlernte ich das echtere Gefühl.
Der zwitschernde Gesang der flinken Meisen,
die in der Krone einer Weide sitzen,
und auch der raue Schrei der schweren Raben
findet dein ungeschmälertes Gefallen.
Bedeutend weniger reizt dich der Schwan,
der suchend durch das seichte Wasser stakst,
die Blicke auf das Ferngelegene heftet,
und dessen Lied das Irdische verneint.
Nun, da du dich entscheiden solltest
zwischen Vergnügen und dem Streben,
hast du ohne besonders langes Zögern
die heitereren Meisen ausgewählt.
Ich indes halte es mit dem Schwan,
der noch beim letzten Atemholen singt.
Alles hat sich nun gegen mich verschworen.
Der Feldmarschall, die hünenhafte Sonne,
lässt ihre Siegeshörner laut erschallen,
in die ein heroischer Nordwind stößt.
Die Erlen ringsum sind ein Heer von Kriegern,
mit Panzern harten Eises ausgerüstet
und überdies bewehrt mit Hellebarden
gefrorenen Schnees nordseitig auf dem Stamm.
Ich kämpfte um ein Fleckchen deines Herzens,
um meine Zelte darauf aufzuschlagen,
und ritt vergeblich gegen eine Festung,
Die uneinnehmbar ist durch deine Wahl.
Seitdem darin die Hoffnung erlosch,
wurde mein Herz zu einem wüsten Schlachtfeld.
Um dich einmal zum Ende noch zu sehen,
steuerte ich hinaus ins Meer der Nacht,
segelte mit dem Aufwind steil nach oben,
und richtig fand ich dich an jenem Strand.
Das weite Zelt des Himmels ist dein Antlitz,
die Sterne deine uferlosen Augen.
Zwei Wäldchen dort am Horizont, die Arme,
umfassen mich mit moosig weichem Druck.
Doch klettern graue Wolken immer höher
und schließen deine Augen von mir weg.
Ein Reh schreckt auf, geweckt von meinem Rufen,
da du mich nun zum zweiten Mal verlässt.
Der Hafen einer glückgesättigten Liebe
hat seine Tore vor mir zugemacht.
Die Mitternacht ging unbemerkt vorüber,
als ich besinnungslos im Rasen saß,
dort hingesunken in den tiefen Qualen,
die mir der Schmerz des Abschieds von dir schuf.
Es rieselt weißer Kalk wie Wehmutstränen,
die sich aus meinen starren Augen lösen,
von einem Bildstock auf dem eisigen Waldweg,
und in dem Triefen liegt schon Zuversicht.
Am Boden irren trübe Nebelschwaden
wie letzte Klagelieder meiner Trauer,
mit zitterigen Lippen ausgesprochen,
und senken sich ermüdet auf das Gras.
Es graut ein frühlingfrischer Morgen,
ich sehe einen neuen Horizont.
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