In den 1980er Jahren empfand ich Frauengestalten dichterisch nach, deren Geschicke mir nahegingen oder die ich bewunderte. Inspiriert haben mich biblische Gestalten wie Hagar, und fiktive literarische Frauengestalten wie Mignon, Dichterinnen wie Else Lasker-Schüler, aber auch andere historisch bedeutsame Persönlichkeiten, etwa Bertha von Suttner.
Unter dem Einfluss von Else Lasker-Schüler setzte ich ab den späten 1980er Jahren Satzzeichen immer sparsamer ein. Das Versende ohne Punkt konnte das Satzende bezeichnen. Der Großbuchstabe am Versanfang drückte den Einsatz eines neuen Satzes oder einer neuen Strophe aus. Nur wenn es das Verständnis erforderte, setzte ich im freien Fluss der Verse noch Kommas und Punkte. Ausrufe- und Fragezeichen sowie Gedankenstriche wurden Vehikel zur Hervorhebung einer emotionalen und poetischen Botschaft.
Mignon
Ich sehe dich vor mir, du tanzt.
Nein, nicht für dich, für ihn, dem du gefolgt bist.
Der Absatz deines raschen Schrittes klappt am Boden.
Du legst all deine Anmut in den Tanz.
Und unterm Lockenkranz die Kinderwangen glühen.
Das willst du sein: nur Schönheit, durch und ganz.
Denn sie nur steht, so denkst du, für das Leben,
allein sie: Ihr nur lebst du mit dem Tanz.
So scheinst du, scheinst, und drehst dich,
wirbelst, dehnst dich,
die Anmut deines Nackens wissend wohl,
doch nicht für dich, für ihn, den du erwählt.
Sonst niemand, soviel ist gewiss, doch er,
wird dieser Schönheit Glänzen recht verstehen.
Der Glaube ist die Flamme, die dich wärmt,
das Seil, das dich in deinem Tanzschritt hält.
Als es dann aber eintrat, dass er sich
einer Frau vermählte, die irdisch war,
zwar reizend schön, doch ganz von Erden,
da war damit zugleich dein Fall beschlossen.
Doch nicht der Schmerz des Falles,
die Erlösung war es, was du fühltest,
von jener Mühsal, die dein Streben war
bis zur Vollendung des Geschickes.
Was erst dein Wunsch war, wurde wahr.
Du warfst die enge Hülle
deines Kleides ab, des Leibes, Weib-Seins,
und es blieb in dem leichten, lichten Sarge
ein Leuchten von unsäglich körperlosem Glanz.
Erstmals bist du gelassen nun
und ohne jene Mühe,
die Hülle abzustreifen mit dem Leib,
und dies zu sein:
Regung des Herzens.
Das war es, was du meintest, als du flehtest,
man möge dich so lassen, wie du scheinst,
bis dass du wirst.
Was endlich sich erfüllt hat, da du ruhst,
und alle Müdigkeit und aller Schmerz verflog.
Frühling/Sommer 1985
Hagar
Dienerin und Nebenfrau,
rechtlos, das war ihr Los.
Das Kind gedieh,
der kleine Sohn,
doch Abraham rief sie zu sich ins Zelt,
er gab ihr Brot und einen Wasserschlauch,
er entließ sie,
sie ging davon.
Dienerin und Nebenfrau,
rechtlos, das war ihr Los.
Durch die Wüste Beerscheba
- heimatlos, da war ihr Los -
irrte sie
mit Ismail.
Doch Brot und Wasser waren bald verzehrt.
Sie warf das Kind verzweifelt unter einen Strauch.
Sie klagte
um Ismail
in der Wüste Beerscheba,
heimatlos, das war ihr Los.
Verstoßen und unversorgt,
mittellos, das war ihr Los.
Der Mangel quälte
Ismail.
Doch suchte sie und fand zur Stillung beider Durst
ein Wasserloch, kaum einen Bogenschuss von ihr entfernt.
Es rettete
Ismail.
Verstoßen und unversorgt,
mittellos, das war ihr Los.
Erzieherin und Kämpferin,
schutzlos, das war ihr Los.
Sie lebten
kärglich.
Doch Ismail wuchs zu einem Jüngling heran,
er zog als Bogenschütze in die Wüste Peran.
Hagar starb
einsam.
Dienerin und Nebenfrau,
rechtlos, das war ihr Los.
Wien, Mitte der 1980er Jahre
Die Vielreiche
Zur Lyrik Else Lasker-Schülers
1.
Styx
Ihr Herz schwebte früh im Dunkel
von Fremdheit und Tod
Ihre Mutter war früh verstorben
immer ferner stand sie ihrem Gott
Näher war sie Himmeln und Gestirnen
als pulswarmen Menschenhänden
Ihre Arme breitete sie nach Liebe aus
und floh in sich zurück, als sie sie betrog
Und für ihren bettelnden Überschwang
sie nirgends beständiges Echo fand
Ihre Sehnsucht gelangte ans Ziel
erst im siegenden Gedankenspiel
Getrieben auf ihrer Weltenflucht
hat sie ein stilles Ende gesucht
Doch niemals wurde sie müde
ihre leuchtende Liebe in Versen zu versprühen
2.
Ihr stilles Lied
Denn ihr Auge
war der Gipfel der Zeit
Sein Leuchten küsste
Gottes Saum
3.
Der siebente Tag
Eva aß
von der Erkenntnis
Und erschrak
erwacht, vor ihrer Blöße
Und du wolltest, dass
aus uraltem Paradies
Gott sie nicht verstoße
Dass er sie
aus seinem Garten Eden
nicht in düstere Welten wiese
Dass ihr lichtes frommes Sein
die Gereifte nicht verließe
Eva, kehr um!
Wissende, komm!
4.
Ihre Wunder
Wo sollte sie mit ihrem Sehnen hin
seit ihre Mutter nicht mehr neben ihr ging
Wenn sie Liebende war
war sie die spielende Eva im Paradies
Sie sah ihren Stern leuchten
Ihre Seele schien golden und blau
ihr Blick war ein Lächeln
Sonst lag sie in stillem Vergessen lahm
und abends stieg aus ihr ein Schmerz
Sie wusste nicht, wo mit ihrem Sehnen hin
seit ihre Mutter nicht mehr neben ihr ging.
5.
Prinz Jussuf von Theben
Sie war der Hieroglyph
der unter der Schöpfung stand
Sie trug einen Sternenmantel
und Monde tätowiert auf der Hand
Dichtend hüllte sie sich
in Josephs, Davids oder Jonathans Kleid
Ihrer Freundin schenkte sie zur Verlobung
hebräische Balladen als Prinz von Theben
Sie erduldete nicht länger als Jüngling
stark und rein gab sie sich hin
Ihr verklärendes Auge
hat Menschen und Gestirne
Ahnen und Götter
Schöpfung und Weltende
mit seinem Leuchten umspannt
Ewig blieb sie unerkannt
Sie war der Hieroglyph
der unter der Schöpfung stand
6.
Die Vielreiche
Sie hat Liebe in die Welt gebracht
Um Gleichgültigkeit und Nüchternheit zu zerhacken
und die Blutmühle des Krieges zu zerschmettern
Sie hat sich ein Leben lang müde gewacht
Jedes Herz sollte blau blühen können
Wien, 1988
... mehr Lyrik
zurück zur Übersicht