Egerer Theatergeschichte - Historie chebského divadelního života od r. 1410 do r. 2011
Die „Egerer Theatergeschichte“ beschreibt auf 472 Seiten im Großformat auf Glanzpapier das Egerer Theaterleben von den Anfängen im frühen 15. Jahrhundert bis zum Jahr 2011. Das Buch ist zweisprachig, parallel zum tschechischen Text auf der linken Seite ist jeweils auf der rechten Seite die deutsche Übersetzung abgedruckt, die von der in Oberfranken lebenden österreichischen Slawistin Maria Hammerich-Maier angefertigt wurde. Zahlreiche Abbildungen, graphisch bearbeitet von Martin Jirsa, vermitteln durch historische Dokumente, Archivaufnahmen und Fotos von den einzelnen Inszenierungen eine lebendige, ausdrucksvolle und farbige Vorstellung vom Theaterleben in Eger und Umgebung.
Der Autor, František Hromada, ein gebürtiger Brünner, hat von den 1970er Jahren an als Schauspieler, Regisseur und künstlerischer Leiter am Egerer Theater gewirkt. Von 1991 bis 1999 war Hromada Direktor des Egerer Theaters, dessen offizielle Bezeichnung heute Westböhmisches Theater in Eger lautet.
Bild: © Martin Jirsa
Buchseite © Martin Jirsa
Textauszug:
Der Einsatz für die Bürgerrechte während des Prager Frühlings und auch danach hatte im Februar 1970 die Abberufung Karel Nováks vom Posten des Theaterdirektors zur Folge. Fast ein Drittel des Künstlerensembles verlässt zusammen mit ihm am Ende dieser Spielzeit teils gezwungenermaßen, teils freiwillig das Theater. Damit geht eine Ära des Egerer Theaters zu Ende.
Intermezzo:
In einem Gespräch, das in der Spielzeit 1991/92 geführt wurde, blickt Karel Novák nochmals auf seine Wirkungsperiode in Eger zurück. 1990 war er als Gastregisseur ans Egerer Theater zurückgekehrt und hatte später auch in einer Inszenierung von Karel Nováček gespielt.
„Ich weiß nicht, wie viele Leute es gibt, die mit der Aufgabe betraut wurden, ein professionelles tschechisches Theater an einem Ort aufzubauen, an dem es nie zuvor ein solches gegeben hatte. Ich weiß nur, dass ich irgendwann im Jahr 1960 gebeten wurde, dies in Eger zu versuchen.
Ich forderte also etwa fünfzehn Theaterfreunde auf, mit mir einen Ausflug nach Eger zu machen, wo keiner von uns je zuvor gewesen war. Auf der Fahrt gingen wir, angeregt durch verschiedene Erwartungen, Wetten ein, ob beim Eingang zum Egerer Theater ein Stiegenaufgang oder Säulen seien.
Was wir dann vorfanden, war eine kolossale Baustelle. Jeder andere Ausdruck wäre angesichts des Anblicks, den die Stadt damals bot, fehl am Platz. Eger erholte sich eben erst von dem Schlag, den ihm die Herren von der Obrigkeit versetzt hatten, als sie es zur künftigen „Frontstadt“ erklärten und damit dem Niedergang anheim gaben. Wir sahen eine unglaubliche Zahl von Häusern, die eben neu gebaut oder saniert wurden. Überall waren Gerüste, Schutthaufen, lag Baumaterial aufgestapelt. Düstere und karge Läden. Wir fuhren durch diese Baustelle hindurch und hielten beim Theater an.
Das Theatergebäude war ansehnlich, neu renoviert. Davor waren Säulen. Sie waren nichts besonders, aber es gab sie. Und das Innere war sagenhaft. Eine Bühne von einer Größe, die für Schauspiele ideal ist, ein schön ausgestatteter Zuschauersaal, eine hervorragende Akustik. Wir bemerkten vor lauter Begeisterung kaum, dass außer den angeführten Vorzügen in dem Gebäude nichts mehr da war.
Doch wir hatten den ersten Schritt gewagt und stolperten weiter voran. Es war nicht einfach. Allmählich lehrten wir die Leute, das Theater zu entdecken und zu lieben. Manche Inszenierungen gelangen besser, andere weniger gut. Wir ergänzten das Schauspielerensemble und bauten es zielbewusst auf. Alles, was uns nicht zusagte, krempelten wir um, änderten es. In der zweiten Fünfjahresetappe des Theaters gab es dann schon mehrere interessante Inszenierungen, und zwar unter der Regie von Karel Nováček, mit der Bühnenausstattung von Mirek Cygan und nach der Dramaturgie von Jiří Holeček. Das Niveau des Egerer Ensembles stieg. Um das Theater scharten sich schon aufrichtige und treue Freunde. Wir waren das erste Theater, das Minivorstellungen gab, in denen die Egerer Inszenierungen einem breiteren Kreis von Theaterfreunden schmackhaft gemacht wurden. Das Theater zog interessante Leute an, wir luden Gäste ein, auch der Prager Professor František Černý besuchte uns mit seinen Studentengruppen der Fächer Dramaturgie und Theaterwissenschaft. In jener Zeit entstand die schöne Beziehung Majka Bokovás zum Egerer Theater, die bis heute währt.
Der Erfolg blieb uns treu. Wir verstanden uns gut und planten neue Schritte, die uns voranbrächten.
Am 20. August 1968 eröffneten wir eine neue Spielzeit. Und am folgenden Tag starrten wir zusammen mit einem Auflauf von Leuten mit Entsetzen den ostdeutschen Panzer und die ostdeutschen Soldaten an, die hundertfünfzig Meter vom Theater entfernt standen.
Doch noch lebten wir, noch glaubten wir, noch spielten wir, noch schufen wir. „Figaros Hochzeit“, „Der Menschenfeind“, „Die Nashörner“. Und als die Würfel bereits gefallen waren und das Ende absehbar war, noch „Richard III“. Wer das Programmheft dieses Schauspiels noch besitzt, beachte den Blutstrom, in den das Motto unserer damaligen Inszenierung hineingesetzt ist:
Dem Teufel fällt die ganze Welt anheim,
Wenn Böses, wohl erkannt, verschwiegen müsste sein.
Es kam die letzte Vorstellung, die letzte Danksagung. Ich glaube, unter denen, mit denen wir auf der Bühne standen, waren zwölf, die das Theater verließen. Jirka Pokora verabschiedete sich mit einer schönen und bewundernswert tapferen Rede von uns. Die Freunde und Zuschauer applaudierten. Wir blickten die Zuschauer an und winkten ihnen zum Abschied zu. Eine lange, düstere Zeit zeichnete sich bereits am Horizont ab, eine Epoche der gebrochenen Rückgrate, eine Epoche von grausamen und harten, aber auch flexiblen und weichen Handlangern der so genannten „Normalisierung“.
Doch das ist schon wieder eine andere Geschichte und ein anderes Abenteuer.
Hromada, František: Historie chebského divadelního života 1410-2011. - Egerer Theatergeschichte. Übersetzung aus dem Tschechischen Maria Hammerich-Maier. Tschechisch-deutsche Ausgabe. Cheb: Západočeské divadlo 2011. ISBN: 978-80-254-9904-7
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