Schöne Literatur

Bohumil Hrabal: Das verlorene Gässchen

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Die Wiederentdeckung des verlorenen Gässchens

Die Wiederentdeckung des verlorenen Gässchens

Es ist wenig bekannt, dass der große tschechische Prosaiker Bohumil Hrabal als Lyriker begann. Am Beginn des mächtigen Stromes seiner Prosa finden wir Brünnlein und Bächlein von Poesie. 1948 stellte der Dichter aus den Gedichten, die er bis dahin geschaffen hatte, ein Bändchen mit dem Titel „Das verlorene Gässchen“ zusammen. Druckerei Hrádek, Nymburk (Nimburg), im Selbstverlag… Doch der Gedichtband erschien nicht mehr, alles was davon blieb, waren die Bürstenabzüge.

Diese Gedichtsammlung ist in vielerlei Hinsicht interessant. Sie ist ein interessantes autobiographisches Zeugnis, repräsentiert zugleich aber auch das soziologische Phänomen des untergehenden literarischen Genres einer Epoche. Bohumil Hrabal tritt hier als lokaler Dichter einer tschechischen Kleinstadt auf. (…)

Der erste für die Öffentlichkeit bestimmte Gedichtband Hrabals entbehrt nicht eines gewissen Reizes des Archaischen und Deklamatorischen. Der Dichter stellt das Adjektiv dem Substantiv nach, er verleiht dem Text ein besonderes Gepräge, gibt sich feierlich erhaben. Auch die intimen Gedichte sind geprägt von Pathos und höflichen Anreden, schönen Gesten und galanten Redewendungen. Das ist die konservative Selbststilisierung des Dichters als einer empfindsamen Seele. Doch der Dichter steigert seine Empfindsamkeit allzu sehr, sodass er zum Gegenmittel des Schocks greifen muss, um das Gleichgewicht seiner inneren Kräfte wiederherzustellen. Die sentimentale Pose und das Schockmoment sind Übungen auf ein und demselben Trapez. Das ist letztlich ein Spiel, der rotierende Bajazzo weiß selbst noch nicht, auf welche Seite er fallen wird. Diese Lyrik ist ganz in ihren Gegensätzen befangen und oszilliert zwischen ihnen. In Hrabals soziologischem Typus treffen der Dekadente und der Protagonist der Avantgarde aufeinander. (…)

Aus dem Nachwort von Josef Kroutvor

Ein verlorenes Gässchen in Nimburg

Der Fluss

Fluss,
saumseliger Wandelpfad,
in den Stromschnellen spielt er
mit Steinchen wie ein Kind.
Wenn der Abend, Nebel weinend,
über der Bucht hängt,
atmen am Tümpel verstummte Seerosen aus,
und in der Tiefe gären die Gedanken.
Doch nun, Fluss, ist es Zeit,
dass du mir sagst, du bleibest ewig jung,
und dass ich altern werde,
dass du im Nu entweichest, wenn ich einst innehalte,
und dass ich sterben werde.
Sag, was du willst,
habe ich dich doch angeheftet
mit Reißzwecken aus Wörtern am weißen Papier.

Die Elbe in Nimburg

Was jedem widerfährt

Eines Tages 
trat jemand vor mich hin,
der behauptete,
das sei angeblich ich.
Ich war ganz ruhig,
weil ich das längst erwartet hatte.
Ich war schon so ruhig,
dass ich ihm erlaubte,
meine Haut überzuziehen,
wie einen Pyjama.
Ich war so ruhig,
weil mir nichts anderes übrig blieb,
als wie eine Schneiderschere zu gehen,
während mein Gast
auf den Händen ging,
sodass arglose Menschen dachten,
dass ich eine Windmühle wäre,
dass der Buchstabe X spazieren ginge,
dass die Sanduhr Durst bekommen hätte.
Ich war ruhig,
weil ich das längst erwartet hatte.

Nimburg bei Nacht

Das Orchestrion von Třebíč

Ein Schild an einer Bude,
darunter steht ein Jude.
Ich sagte im Vorübergehen:
Hab’ die Ehre, Herr Wieghold.
Doch im Geist leistete ich Abbitte:
Vergeben Sie, dass ich beständig
auf meine teuren Hände spähe.
Vergeben Sie mir,
dass ich Ihre Hände 
abgeblättert sehe,
wie die der Jungfrau von Częstochowa.
Und um mein Pharisäertum noch zu betonen,
sprach ich:
Es sollte einmal regnen, Herr.
Da sagte Alfred Wieghold:
Warum spazieren Sie, junger Mann,
auf Händen hier entlang der Bude?
Stecken Sie Ihre Hände in die Taschen,
damit es Sie später nicht reut,
sie nicht benutzt zu haben.
Das sagte er und hängte seine Augen
ans Schild und sang zu ihnen leise:
Ihr schönen Hände mein,
Ihr Hände mein, wohin mögt ihr entflogen   sein?
Und dabei brach mein Gliederpuppenkönig 
in schauriges Gelächter aus
und klimperte mit den Prothesen auf dem Kasten,
bis beide Arme knarrten
wie sturmgepeitschte Wetterfahnen.
Wie ein im Wind geschmortes Schild.

Hrabal, Bohumil: Ztracená ulička - Das verlorene Gässchen. Zweisprachige Ausgabe. Deutsch von Maria Hammerich-Maier. Nymburk: Kaplanka 2016, ISBN 978-80-87523-13-1

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